SEEKAJAK
SEEKAJAK 118

Inhaltsverzeichnis

Vorstand  

Vorwort

4

Stellungnahme zum Seenotfall vor Borkum           

5

B/C Kreis 

 

Vorwort

5

Fahrtenleitergrundsätze

6

Nasses Treffen

8

Vorstellung der Mitglieder des B/C Kreises

28

Nachruf

Hans M.

11

Ökologie

Wattenmeer für Entdecker - Juni

12

Mellum

44

Touren

Bodö - Trondheim

14

Mön

30

Solotour

32

SKW 2009

Ausschreibungen SKW 09

23

Veranstaltungskalender SKW 09

26

Kleinanzeigen

28/36

Ausbildung

Anglesey 09 von Nils

34

Anglesey 09 von Andreas

37

A-Kurs auf Spiekeroog

41

Leserbriefe

40

Flaschenpost

Grönlandfrauen

46

Impressum

48

Veranstaltungskalender

50

Bodø – Trondheim 2008: Die wollen doch nur spielen!

Text: Tanja

Aquarelle: Nils

Es ist geschafft! Wir haben die norwegische Küste vom schwedischen Göteborg bis Hammerfest abgepaddelt. Jede einzelne Etappe hatte ihren ganz eigenen Charakter und ihre ganz besonderen Höhepunkte. Nach dem grandiosen Erlebnis in den subarktischen Gebieten im letzten Jahr betrachteten wir die geplante Tour von Bodø bis Trondheim schon fast als unspektakulär. Denn eigentlich konnte es ja gar nicht mehr besser werden.

Besser nicht. Aber anders. Ganz anders, und genau das macht ja eigentlich auch den Reiz dieser Touren entlang der norwegischen Küste aus, dass man auf immer neue Bedingungen trifft, immer andere Landschaften und sich immer wieder ganz anderen Herausforderungen stellen muss.

Obwohl wir mittlerweile eigentlich wissen müssten, dass der Wind grundsätzlich daher kommt, wo wir hin wollen, lassen wir uns doch dazu verleiten, zu glauben, dass die vorherrschende Windrichtung eigentlich nördlich sein müsste und wollen von Bodø aus Kurs nach Süden nehmen. Dem Wind war das egal, der hat es längst gelernt, jede unserer auch noch so kurzfristig geplanten Kursänderungen mitzumachen.

Nach den üblichen Vorbereitungen – Ausdauertraining in unserem Offshore-Garten vor Ostfriesland, Ausrüstungscheck und –ergänzung, Tourplanung und Besorgung von Kartenmaterial - erreichen wir Trondheim dank Colorline recht entspannt am Sonntagnachmittag. Von dort aus fahren wir mit der Hurtigrute nach Bodø und können so schon mal einen ersten Eindruck von dem Gebiet bekommen, in dem wir paddeln wollen.

Auf dem Hurtigrutenschiff ist man offenbar auf Rentner mit seniler Bettflucht eingestellt. Ab 6 Uhr morgens scheppern die Matrosen mit ihren Farbeimerchen über die Metallgangway vor unserem Fenster und ab 7 Uhr gibt es fröhliche Mitteilungen über den Lautsprecher, wie z.B., dass man den Polarkreis überquert oder einem anderen Schiff begegnet oder ähnlich spannende Dinge. Der Kaffee, auf den ich mich freue, besteht aus einer Tasse heißem Wasser mit einem Tröpfchen Milch und wird nur auf Nachfrage mit Koffein veredelt.

Kurz bevor wir am Dienstagmittag unser Ziel erreichten, suchen wir uns auch schon mal von Bord aus eine Insel aus, die wir für den Abend anpeilen wollen und sind uns sofort einig. Ein spitz aufragender Berg, aus dem sich auf halber Höhe wie aus einer Wunde Sand ergießt, auf einer Insel mit mehreren schönen Stränden. Da wir davon ausgehen, dass wir auf dieser Reise mit Sandstränden nicht mehr ganz so viel Glück haben würden wie auf der letzten Reise, wollen wir so viel davon nutzen, wie möglich.

Es gibt kaum ein schöneres Geräusch auf einer langen Tour, als wenn abends der Kiel auf Sand knirscht. Es bedeutet, dass man keine schweren Boote über glitschige Steine schleppen muss und bequem aus- und wieder einsteigen kann. Außerdem verheißt ein Sandstrand auch meist eine gute Zeltstelle in unmittelbarer Bootsnähe. Es gibt nicht viel Luxus auf so einer Reise, aber so etwas freut einen immer wieder. Um die Trefferquote zu erhöhen, bin ich die Strecke auf Google-Earth einige Male im Vorfeld abgefahren und habe auf unseren Karten alle möglichen guten Zeltstellen, sowie Campingplätze und Einkaufsmöglichkeiten eingezeichnet.

Wir können jetzt mit Fug und Recht behaupten, wir seien zwischen den beiden gefährlichsten Gezeitenströmen der Welt hindurchgepaddelt, dem Mahlstrom und dem Saltstraumen. Sie erreichen eine Spitzengeschwindigkeit von bis zu 10 Knoten und sind schon wesentlich größeren Booten als den unseren zum Verhängnis geworden. Beide liegen etwa 50 km von uns zu jeder Seite, eine Entfernung, die ich persönlich als halbwegs sicher bezeichnen würde. Ich kann Nils an der Nasenspitze ansehen, dass er wohl gerne mal direkt dadurch paddeln würde, aber ich tue so, als hätte ich das gar nicht gesehen.

Das Wetter fängt gleich am zweiten Tag mit seinen üblichen Kapriolen an. Der erhoffte Nordwind setzt erst am vierten Tag ein und beschert uns zwei herrliche Paddeltage, an denen wir ordentlich Strecke machen. Fast zu schnell gleitet die Landschaft an uns vorbei, der riesige Svartisengletscher, dessen Schneefelder in der Sonne glänzen wie der Rücken eines Urzeitmonsters, die liebliche Insellandschaft von Helgeland und der 700 m hohe Felsen Lovund, der aus dem Wasser ragt wie die Flosse eines gigantischen Hais. Helgeland erweist sich entgegen unseren früheren Befürchtungen als wunderbares Paddelgebiet, in einigen Kilometern Abstand reihen sich viele kleine Inselgruppen aneinander, die jede eine Welt für sich bilden, während im Osten die hohen, schneebedeckten Gipfel des Festlands aufragen.

Schnell verfallen wir in unseren „Expeditionsrhythmus“ und seine Rituale: Zeltaufbauen, Abendessen, Spülen, Aquarell malen, Tagebuch führen, Strecke abmessen, Wetterbericht holen. Mit letzterem haben wir einen guten Fang gemacht. Über Wetterwelt.de haben wir einen SMS-Service gebucht, mit dem wir nach Einsendung der Koordinaten eine punktgenaue Vorhersage für 3 Tage bekommen, die, wie wir feststellen können, auch recht zuverlässig ist.

Die von der Reiseleitung garantierte Tierwelt besteht anfangs im wesentlichen aus Papageientauchern – die übrigens Geräusche machen wie ein Teddybär, wenn man ihn umdreht – und den für unsere Zeltplätze obligatorischen Adler, mal See- mal Fischadler. Doch nach einigen Tagen gesellen sich auch die uns schon vertrauten Tordalke und Gillteisten, Samtenten, Raubmöwen und vor allem die großen Basstölpel hinzu, die zu unseren täglichen Begleitern werden.

Bei Hestmanoya überqueren wir den Polarkreis, ohne mit dem Skeg darin hängen zu bleiben. Bei der anschließenden Querung zur nächsten Insel nimmt die Wellenhöhe in den folgenden eineinhalb Stunden noch zu, die für heute angesagten 0,8 m sind deutlich überschritten, auch wenn die für morgen angesagten 1,8 m auch noch nicht erreicht sind. Es pendelt sich ziemlich genau in der Mitte ein. Dabei kann man prima surfen, ohne gleich Angst vor einem Kopfstand oder einem unfreiwilligen Bad zu haben, denn überraschenderweise ist das Wasser noch genauso kalt wie nördlich des Polarkreises. Nils misst auf dem GPS bis zu 7,5 Knoten! Besonders schnelle Ritte werden mit freudigem „Uiiiiiih!“ begleitet.

Um einige der markanten Landschaftspunkte ranken sich Sagen und Legenden. Eine davon besagt, dass mal ein ziemlich ätzender Troll (Hestmannen) einen Pfeil auf eine Jungfrau (Lekamøya) abschießen wollte. Da sich so was nicht mal für einen Troll gehört, hat jemand seinen Hut dazwischen geworfen. Der hat jetzt ein Loch und liegt als Torghatten im Meer rum. Es stimmt, wir haben ihn gesehen.

Es ist schon merkwürdig. Wellen sehen von vorne viel bedrohlicher aus als von hinten. Wenn ich mich umsehe und mal wieder eine dieser Dreiergruppen von höheren Wellen mit brechenden Kämmen ankommen sehe, wird mir ganz mulmig. Doch wenn sie dann unter einem durchgehen und man sie von hinten sieht, fragt man sich oft: Und das war’s jetzt? Erst wenn Nils vor mir im Wellental verschwindet, weiß ich, dass ich mich nicht getäuscht habe. Aber warum auch umsehen, die Devise heißt vorwärts! Das bringt uns eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5 Knoten ein.

Die ersten Verschleißerscheinungen zeigen sich: Schon nach einer Woche muss ich mir die rechte Schulter bandagieren, weil die Achseln wundgescheuert sind, auch bei Nils haben wir schon Wundsalbe aufgetragen, und die ersten Blasen zeigen sich an den Händen. Aber man gewöhnt sich an alles. Mein Couscous zum Abendessen stopfe ich mir wohl mit etwas zu viel Heißhunger hinein, mir wird fürchterlich schlecht. Trotzdem kann ich noch genügend Begeisterung für das Rentiergeweih aufbringen, das Nils gefunden hat und seine Entscheidung, es mitzunehmen, bestärken. Von jetzt an ziert es sein Vorschiff als ebenso praktische wie dekorative Paddelhalterung.

Unser Kartenmaterial, das auf einer Karte von 1853 beruht, in der nur die Seezeichen immer wieder angepasst worden sind, erweist sich als stellenweise unzureichend. Wir waren irrigerweise der Meinung, da sich hier die Landschaft nicht großartig ändert wie bei uns mit den ständig wandernden Sandbänken, macht das nichts aus, doch bei immerhin einem Zentimeter Landhebung im Jahr ist so mancher für ein Kajak früher wohl noch befahrbare Durchschlupf nach 150 Jahren dicht, unter anderem auch deshalb, weil die Norweger an einigen entscheidenden Stellen Dämme zur Verbindung einzelner Inseln miteinander gebaut haben, die offenbar nicht als Seezeichen gelten und somit auch nicht in den Karten nachgetragen werden. So irren wir mindestens eine Stunde lang zwischen Dönna und Heröy herum, bis wir die richtige Einfahrt in den Sund gefunden haben. Beim Anblick der Sandstrände an der Südküste von Dönna unternimmt Nils einen zaghaften Versuch, mich zum Aufgeben zu bewegen, schließlich sind wir für heute eigentlich schon weit genug gekommen, aber mich reizt die Einkaufsmöglichkeit in Heröysund, denn morgen ist Sonntag und danach sind wir ein paar Tage lang zu weit von allen Orten entfernt.

Der Wind meint es nicht gut mit uns. Er kommt schon wieder von vorne, und das soll in den nächsten Tagen noch schlimmer werden, mit Böen über 9 Bft. Das Wetter meint es besser, nachdem es in der Nacht stark geregnet hat, ist es jetzt bedeckt, aber freundlich, auf jeden Fall trocken und weitgehend sonnig. Na, wenigstens ist Südwind wärmer als Nordwind. Nur die Fauna meint es richtig gut mit uns. Über weite Strecken kommunizieren wir nur wild gestikulierend und Schreie wie „Da! Wal!“, „Adler!“ oder „Fischotter auf 8 Uhr!“ ausstoßend miteinander. Nils schlägt beim Anblick eines Fisch- oder Seeadlers immer noch einen Purzelbaum vor Begeisterung, was im Kajak gar nicht so einfach ist, während ich mittlerweile zu der Einsicht gelangt bin, dass die Viecher hier in etwa so selten sind wie Hühner auf einer Geflügelfarm. Besonders niedlich ist ein Fischotter, der sich am Ufer mit einer Muschel balgt, die bald – wie man am lauten Knacken deutlich hören kann – den Kürzeren zieht. Und auch die delfinartigen kleinen Wale schwimmen prustend wieder neben unseren Kajaks her. Für Erheiterung ist also durchaus gesorgt. Nicht nur Fischotter und Adler machen ihre Faxen. Auf einer winzig kleinen Insel steht ganz einsam und verlassen ein großer schwarzer Widder. Ich vermute, dass er in Einzelhaft strafversetzt worden ist, damit er die Mädels nicht nervös macht, die ein paar Inseln weiter grasen, so lange die mit ihren Lämmern beschäftigt sind. Nils findet das total gemein und sexistisch und beginnt aus Protest auf der Stelle mit einem vierstündigen Sitzstreik. So lange dauert es nämlich noch, bis wir unser Ziel erreichen, Ylvingen. Damit er das auch ja durchhält, frischt der Wind noch ordentlich auf, sodass uns die letzte Querung von knapp drei Kilometern fast eine Stunde kostet. Ich bin am Ende, doch der Strand, den ich auf Google noch so deutlich gesehen habe, ist gar nicht so leicht zu finden. Wir müssen noch eine halbe Stunde weiter gegen den Wind keulen, bis wir die enge Einfahrt finden, durch die man ihn erreichen kann, doch dann erweist er sich als wahre Traumstelle.

Der Wetterbericht für die nächsten Tage ist alles andere als ermutigend. Der Gegenwind soll immer mehr zunehmen und das Wetter wird sich verschlechtern. Daher entschließen wir uns, auf dem Campingplatz von Kvaløya abzuwettern. Mir brennen höllisch die wundgeriebenen Achseln. Schmerzfreies Paddeln ist seit Tagen nicht mehr möglich und ich hoffe, dass wir nach etwa sechs Stunden heute aufhören können.

Im Nieselregen das Zelt aufbauen und alles versorgen ist nicht unsere Lieblingsbeschäftigung, aber als wir erst mit einer heißen Ovomaltine im Trockenen sitzen, wird es schnell gemütlich und nach dem Essen ist es auch draußen wieder trocken genug, sodass Nils aquarellieren kann. Zum ersten Mal sehen wir hier einen Mink, ein kleines „Wasserwiesel“, das auf der Suche nach Vogeleiern durch das Gebüsch strolcht.

Wir haben einen schönen Ausblick auf den Torghatten, den Berg mit dem Loch. Es reicht 500m oben in der Felswand etwa 70m komplett durch den Berg hindurch und ist ein beliebtes Touristenausflugsziel. Aus unserem Blickwinkel konnten wir das Loch nicht erkennen, sodass wir die prominente Nachbarschaft gar nicht bemerkt haben, erst als wir ein paar Kilometer unterwegs sind, entdecken wir die markante Landmarke beim Zurückschauen zufällig.

Auf dem Campingplatz angekommen, müssen wir feststellen, dass der nächste Laden 15 km weg ist und unsere Vorräte sind zu stark dezimiert, um hier drei Tage davon zu zehren und dann noch zwei oder drei Tage weiterzufahren, bis wir sie wieder auffüllen können. Netterweise leiht uns der Campingplatzbetreiber seinen betagten Passat, mit dem wir den nächsten Coop stürmen und mit 6 (in Worten: sechs!) Tüten beladen wieder herauskommen, die wir in dem völlig zugemüllten Auto kaum verstauen können.

Wir waschen und entsalzen ein paar Sachen und haben gerade alles ordentlich verstaut, als draußen der angekündigte Sturm mit 9er-Böen losbricht. Wir sitzen in einer gemütlichen Hütte, hauen uns die Wänste voll, sehen zu, wie das Wasser über die Leeseite der Bucht schießt und freuen uns, dass wir nicht mehr in den Booten sitzen. Und auch auf zwei Ruhetage freuen wir uns. Meist regnet es, doch in den gelegentlichen Sonnenstunden erkunden wir die Umgebung. Vor ein paar Jahren erst wurde die alte Handelsstation am Anleger instand gesetzt und der Campingplatz neu angelegt. Gleichzeitig wurde der Sund für größere Schiffe geschlossen. Die Fährverbindung ist wohl eine der wichtigeren auf der viel genutzten Küstenstraße, daher lohnten sich die Einrichtung des Restaurants für die Fährgäste und der Campingplatz.

Als wir auf der Weiterfahrt an Leka vorbeikommen, stellen wir fest, dass die Geologie hier eine ganz andere ist als die der übrigen Inseln in dieser Gegend, die Felsen sind richtig gelb. Offenbar tritt an dieser Stelle irgendein anderes Gestein zutage, das fast wie der Sandstein in den Dolomiten aussieht, während sonst grauer Granit vorherrscht.

Nach stundenlangem Regenpaddeln bauen wir unser Zelt schließlich in einer Art verwunschenem Tal mit einem langen Priel auf. Die Landschaft hat etwas Märchenhaftes, vor allem, da über die mit saftigem hellgrünem Gras gewachsene Bucht, die von sanften, bewaldeten Hügeln umgeben ist, gerade ein weißer Hirsch hüpft. Oben kreisen die Adler und kurz vor dem Schlafengehen kommt noch ein Fischotter angewatschelt, stellt mit einem missbilligenden Blick auf unser Zelt fest, dass seine Lieblingsstelle heute völlig überbevölkert ist und plitschplatscht missmutig und ohne große Eile den mittlerweile fast ganz trockenen Priel wieder zum offenen Wasser zurück.

Nachdem wir uns in Rørvik noch einmal mit Proviant versorgt haben, stellen wir uns angesichts des für die nächsten Tage angesagten nur leichten Gegenwinds darauf ein, den kleinen Leuchtturm Grinna zu besuchen und dann weiter nach Süden zu queren. Das sind fast 40 km über ungeschütztes Gebiet.

Mit dieser langen Querung gelangen wir in einen ganz neuen Küstenabschnitt. War Helgeland von vielen kleinen Inselparadiesen mit winzigen Felsen und geschützten Schärgärten geprägt, so erreichen wir jetzt einen deutlich kargeren und ausgesetzteren Küstenabschnitt, in dem wir nach geeigneten Zeltstellen wahrscheinlich länger suchen müssen. Strände sind hier rar. Als wir die Küste schließlich erreichen, zeigt die sanfte Dünung beim Auftreffen auf die Felsen, dass doch einiges an Wassermasse in den flachen, langgestreckten Wellen steckt. Doch das Getöse ist sofort abgeschaltet, als wir zwischen den ersten Felsen einbiegen und beginnen, uns nach einem Zeltplatz umzusehen. Das sieht nicht gut aus …. Wir versuchen es an einigen Stellen, müssen aber feststellen, dass das Ein- und Aussteigen meist nur entweder bei Hoch- oder bei Niedrigwasser möglich ist, oder dass es an einer geeigneten Stelle keinen Platz für das Zelt gibt. Schließlich entdecken wir in einer Spalte einen Geröllstrand, an dem man wenigstens halbwegs vernünftig aussteigen kann. Das ist zwar bei den großen runden und glitschigen Steinen auch ein wenig wackelig, aber mit Wellen muss man hier ja nicht rechnen. Die Zeltplatzsuche führt uns ca. 30 m steil den Felsen hinauf, bietet dafür aber eine derartig grandiose Aussicht aus dem Zelt, dass sich die Schlepperei lohnt.

Der nächste Tag wird richtig lustig. Fängt an mit Regen und dem Ausfall des Wetterberichts wegen Funklochs. Sehr witzig. Wir haben ein kniffliges Stück vor uns, die zerklüftete Steilküste bis zum Leuchtturm Buholmrasa. Davor liegen acht Meilen offenes Wasser, davon drei Meilen durch ein Gebiet voller Untiefen und völlig ohne Fluchtmöglichkeit. Der Nordwestwind hat die sanfte Dünung von gestern zu formidablen Wellen verstärkt, die lautstark an die Felsen ballern, sodass wir respektvoll Abstand halten. Wir schleichen erst mal zwischen ein paar Inseln hindurch, wo es keine Wellen gibt und uns der Wind ordentlich vorantreibt.

Nils sucht uns einen Kurs, auf dem wir uns an die hohen Wellen erst mal gewöhnen können. Fasziniert sehen wir, wie sie sich im flacher werdenden Wasser aufstellen, bevor sie an den Felsen meterhohe Fontänen in die Luft schießen lassen. Dann haben wir das offene Stück erreicht und werden ordentlich geschaukelt. Die Wellen kommen genau von der Seite, heben uns an und setzen uns wieder ab, sodass wir alle paar Sekunden einen guten Blick auf unser erstes Etappenziel dieser Strecke haben, das Seezeichen vor dem Leuchtturm, hinter dem uns dann das gefährlichste Stück erwartet. Noch können wir jederzeit abdrehen und uns in eine Bucht flüchten, wenn es uns zu viel wird. Aber das wird es nicht. Ganz im Gegenteil, mir macht die Sache Spaß. Die Wellen sind knapp vier Meter hoch und recht steil, brechen allerdings nicht. Doch eine halbe Windstärke mehr und aus den vier Metern werden schnell fünf und dann beginnen sie auch zu brechen, was dann wirklich nicht mehr lustig ist. Wir sollten am Leuchtturm sein, bevor das passiert.

Ich sehe, wie Nils misstrauisch an einem dieser Wasserberge hinaufsieht und versuche ihn zu beruhigen. „Die tun nichts“, meine ich. „Die sind wie große Hunde, die wollen nur spielen.“ Manche stellen sich auf, ohne uns allerdings anzuspringen, ein oder zwei zeigen sogar ihre weißen Zähne, doch keine einzige beißt zu. „Ich hasse große Hunde“, knurrt Nils, nicht wirklich beruhigt.

Am Seezeichen liegen ein paar Klippen, hinter denen wir kurz Luft holen können, dann konzentrieren wir uns auf das letzte Stück. Wir können den Leuchtturm vor uns sehen, doch zwischen uns und ihm liegen ein Haufen Untiefen, auf denen die ach so verspielten Wellen ein wahres Inferno in Weiß und Türkis anrichten. Es ist ein Fahrwasser ausgezeichnet, in dem wir zumindest relativ gefahrlos hinüberkommen können, doch wagemutig schlage ich einen Weg durch die Untiefen vor, bei dem wir nur eine ziemlich enge Stelle zwischen zwei Felsen überwinden müssten, um ungefähr drei Kilometer Umweg zu sparen. Drei Kilometer in diesen Wellen. Nils sieht mich an, als ob er sich fragt, ob ich gerade von Aliens ausgetauscht worden wäre – er kennt mich normalerweise als Angsthasen – doch auch er sieht die Lücke im kochenden, schäumenden Wasser und damit die Chance, möglichst schnell hinter dem Leuchtturm in ruhiges Fahrwasser zu kommen. Also tief Luft holen und durch.

Eine halbe Stunde lang geht erst einmal alles wie gehabt, Welle rauf, Welle runter. Von jedem Wellengipfel aus beäugen wir die Engstelle. Sie ist knapp zwanzig Meter breit. Auf dem Felsen rechts davon brechen die Wellen zusammen, die dann auch sofort ihre Wucht verloren haben, zwei Meter daneben könnte man lässig im Kajak sitzen und dem Toben ungefährdet zusehen. Doch hier muss man aufpassen, dass man nicht auf den leicht versetzt links daneben liegenden Felsen gesaugt wird, auf dem die nächsten Wellen donnernd aufschlagen. Also ganz knapp unter dem ersten und dann möglichst weit über dem nächsten Felsen durch. Soweit die Theorie.

In der Praxis scheinen zwanzig Meter immer kleiner zu werden, je näher man kommt, außerdem herrscht zwischen den beiden Felsen alles andere als ruhiges Wasser. Abgelenkte Wellen von einem, rückschlagende Wellen vom anderen Felsen, zwar nur noch einen knappen Meter hoch, dafür aber von allen Seiten Wasser, Wasser, Wasser, von vorne, hinten, seitlich und gemeinerweise irgendwie auch von unten, aber immerhin wenigstens nicht von oben. Mit zehn, fünfzehn kräftigen Paddelschlägen sind wir durch den donnernden Hexenkessel durch, einmal ordentlich durchgeschaukelt. Diese zehn Sekunden scheinen ewig zu dauern. Mein Adrenalinpegel kommt mir fast aus den Ohren und ich frage mich, woher ich den Mut zu diesem Stunt genommen habe.

Danach müssen wir uns noch eine Viertelstunde lang mit der „Hundemeute“ abgeben, bis wir schließlich in die Abdeckung einer Insel gelangen und sicher zum Leuchtturm einschwenken können. Dort machen wir erst mal Pause und gratulieren uns gegenseitig zu der gelungenen Fahrt.

Und doch soll die gefährlichste Situation der ganzen Tour erst noch kommen. Denn als wir gemächlich mit 6,8 Knoten und Rückenwind in den Sund nach Sandvik trödeln, überholt uns ein Motorbootfahrer, der mir fröhlich zuwinkt, Nils aber völlig übersehen hat und haarscharf an ihm vorbeibraust. Erst beim Zurückblicken bemerkt ihn die Frau des Anglers und quiekt erschrocken auf. In Sandvik werden wir mit einem schönen Sandstrand, einer Einladung zu einem Glas Wein und einem Tratsch mit einem Besatzungsmitglied eines riesigen Fischtrawlers belohnt, der uns erzählt, dass sie bis nach Japan fahren, um Makrelen zu fangen. Das muss ich Holger sagen. Der traut sich immer nur bis Spiekeroog.

Der Wetterbericht macht unsere Hoffnung, übermorgen zum Leuchtturm Halten zu fahren, zunichte. Dieser Leuchtturm steht an der nördlichsten Spitze einer Inselkette, die sich etwa 50 km vor der Festlandsküste vom Ende des Trondheimfjordes aus nach Norden zieht. Starker Südwestwind mit Regen und Wellen bis drei Meter Höhe sehen für uns eher nach Abwettern aus. Mal sehen, was draus wird. Aber eines ist sicher: den heutigen Tag kann uns keiner nehmen und der war hammermäßig gut – bis auf die Sache mit dem Motorboot, aber wir sind ja nicht nachtragend!

Die Gegend, die vom Hurtigrutenschiff aus so abweisend und karg ausgesehen hat, fasziniert uns auf der Weiterfahrt mehr und mehr. Immer wieder entdecken wir merkwürdige Felsformationen, tiefe Einschnitte oder Höhlen in den Klippen oder seltsam geformte Inseln. Dazwischen gibt es viele hübsche kleine Buchten und Strände. Leider können wir uns wegen des Gegenwindes kaum darauf konzentrieren und dann beginnt es wieder zu regnen und das mit solcher Nachhaltigkeit, dass unsere Laune auf dem Tiefpunkt ist, als wir ein paar Tage später an einem hübschen Leuchtturm zelten. Zelt nass, Klamotten nass, Isomatten nass, Schlafsäcke feucht, noch so eine Nacht und es wird echt unangenehm.

Doch dann sagt der Wetterbericht Sonne und Flaute voraus, ideal, um das sogenannte Frøhavet zu der 30 km entfernten Inselkette zu queren. Morgens ist der Wind weg, es ist leicht nebelig, Tendenz besser werdend. Die Paddelsachen sind klatschnass und eiskalt und nötigen uns beim Anziehen die entsprechenden Grimassen ab, aber es hilft nichts. Alles wird verpackt und dann starten wir die große Überfahrt. Die Insel Melstein, die etwa ein gutes Drittel der Tagesstrecke markiert, ist gut zu erkennen und wir erreichen sie planmäßig nach zwei Stunden.

Dort entdecken wir zwischen den Tangfeldern ein im Wasser schwimmendes Tier, das wir beim besten Willen nicht einordnen können, es ist ziemlich groß, fast so groß wie ein Walross und wirkt auf uns wie ein Seeungeheuer. Später erst erfahren wir, dass es sich wohl um eine sogenannte „Klappmütze“ gehandelt hat, eine Robbenart, die eigentlich viel weiter im Norden vorkommt, von denen sich vereinzelte Exemplare aber wohl schon mal auf Abwege begeben und einen Ausflug in den sonnigen Süden machen.

Und als wir in den Hafen von Sauøya einbiegen, erleben wir eine Überraschung, die uns für den gestrigen Abend entschädigt: nach fast sechs Stunden im Boot werden wir aufs herzlichste eingeladen, in der alten Fischhalle zu übernachten und dort zu duschen, ein Angebot, das wir in unserem Zustand nicht ablehnen können. Zwar ist die Dusche ein wenig abenteuerlich, sie ist ein Verschlag, der an die Fischhalle angebaut wurde und gefährlich frei über dem Wasser hängt, außerdem besteht sie eigentlich nur aus einer Toilette mit einem Duschkopf darüber, was zwar ganz praktisch fürs Multitasking ist, aber bestimmt nicht jedermanns Sache. Und die Fischhalle mit dem alten Holzkran im Giebel über dem Wasser wird nur noch zum Aufbewahren undefinierbarer Geräte verwendet. Dazu kommt der Geruch, den die Fischfänge mehrerer Fischergenerationen in dem Holzfußboden hinterlassen haben. Durch die vielen Ritzen pfeift der Wind, sodass es nicht wirklich wärmer ist als im Zelt. Für uns aber ist es Luxus pur mit 15 Sternen.

Das liegt vor allem daran, dass wir im Sonnenschein vor dem Haus unsere nassen Sachen zum Trocknen ausbreiten können. Und das tun wir auch. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Platz man mit Klamotten belegen kann, die man aus so wenig Stauraum herausholt. Der halbe Anleger ist voll. Dazwischen sitzen wir warm und zufrieden und können unser Abendessen mal wieder am Tisch genießen.

Zu uns gesellt sich Tommy, einer der sechs Bewohner von Sauøya. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern und dem alten Fischer Leif mit seiner Frau bildet er die Restbevölkerung einer Insel, die in ihrer Blütezeit einmal 400 Menschen beherbergt hat. Früher, das war, als der Fischfang noch blühte und auf dem großen weißen Hof, in dem Tommy jetzt wohnt, der Großbauer, der „Inselbaron“ der Inselwelt hauste, der die umliegenden ca. Schären mit ihren Bauern und Fischern beherrschte wie ein mittelalterlicher Feudalherr. Noch Tommys Großmutter, so erzählt er, durfte sich dem Herrenhaus nur nähern, wenn sie dorthin bestellt wurde. Die schöne Schärenwelt, die man hierzulande im Kopf hat, wenn man an die norwegische Landschaft denkt, ist wohl nur von außen betrachtet so idyllisch gewesen.

Heute ist Tommy Mädchen für alles auf der Insel. Neben den sechs ständigen Bewohnern gibt es noch ein paar Ferienhäuser, die nur im Sommer bewohnt werden. Tommy kümmert sich um die Erhaltung und Instandsetzung des Anlegers und des dazugehörigen Ladens, der heute eine Mischung aus Museum und Bar ist, d.h. man kann ein Bier oder einen Wein bekommen, wenn man will und wenn Tommy gerade auffindbar ist. Er kümmert sich um die Kirche und den Naturschutz und den Hafen und organisiert Folk-Rock-Festivals auf der Insel sowie Festgelage für bis zu 70 Personen, die dann extra aus Trondheim ankommen, ist Poet, Ranger, Küster, Postmeister, Barkeeper und Alleinunterhalter in Personalunion.

Wir machen einen schönen Spaziergang über die Insel und werfen einen Blick in die 1905 gebaute Jugendstilkirche, in der eine große Jesusstatue steht, die einen mit ausgebreiteten Armen und so einem breiten Lächeln empfängt, dass es einem direkt warm ums Herz wird. Ich nutze die Gelegenheit, mich für das sichere Geleit um Buholmrasa zu bedanken.

Zwei Mal in der Woche kommt der Katamaran aus Trondheim, bringt Vorräte, Post und gelegentlich auch Besucher. An diesen Tagen versammeln sich die Bewohner, Feriengäste und die Bewohner der umliegenden Inseln am Anleger, schwatzen ein wenig zusammen und warten auf die Post.

Es ist schön, für einen Abend dazuzugehören. Dass sich der Katamaran um zwei Stunden verspätet, wird bei dem schönen Wetter eher als ein Segen angesehen und wir bilden mit unseren Kajaks natürlich eine große Attraktion.

Zwei Tage später erreichen bei schönstem Wetter die Insel Frøa. Seit wir auf Sauøya angekommen sind, ist tatsächlich der Sommer ausgebrochen, es wird sehr warm, mäßig windig und selbst die Wassertemperatur nimmt immer mehr Badequalität an. An der äußersten Westspitze des Frøhavets gelegen, bietet die Insel den höchsten Leuchtturm Norwegens und auch wenn es erst gerade Mittag ist, als wir ankommen, ist die Verlockung, dort zu bleiben, zu groß. Wir können nicht widerstehen. Einerseits haben wir es nicht mehr sehr eilig und außerdem können wir gut etwas Ruhe vertragen. Nach neun Tagen im Boot werden wir langsam schlapp. Wir genießen einen herrlichen, superwarmen Tag. Der Leuchtturm ist beeindruckend. Nicht nur, dass er in schönem Rot-Weiß hoch aufragt, wie es sich für einen ordentlichen Leuchtturm gehört, er verfügt auch noch über eine bombastische Freitreppe, geschmückt mit Kugeln und Krönchen. Zur Seeseite hin ragen die Nebelhörner hervor. Der Leuchtturm ist zwar noch in Betrieb, aber unbemannt und Anleger und Haus sind in desolatem Zustand, auch wenn es von einer beeindruckenden Schutzmauer umgeben ist. Die scheint auch notwendig zu sein. Wenn man bedenkt, was für Wellenhöhen dort im Winter vorherrschen, wundert es kaum noch, dass wir Teile der Betonbrücke des alten Anlegers über die ganze Insel verstreut finden.

Die Sonne brennt so heiß, dass man es im Windschatten kaum aushält. Zwei Stunden nach Hochwasser bildet ein Felsloch eine frisch gefüllte Wanne mit herrlich warmem Wasser, die Vorräte sind aufgefüllt – erholsamer kann so ein Urlaubstag kaum sein. Unser Zelt stellen wir auf dem Betonboden des verfallenen alten Anlegers auf, bei so wenig Wind brauchen wir sowieso keine Heringe.

Und dann bleibt uns nichts anderes zu tun, als die Kolonie der Möwen zu beobachten, die in den Felsen ihre Jungen großzieht. Wenn man sie näher kennen lernt, sind sie eigentlich ganz nett und abseits der Zivilisationsmüllhaufen führen sie sich auch recht manierlich auf. Ab und zu kommt ein Angelboot durch den Sund zwischen dem Leuchtturm und der Insel Frøa. Auch ein schönes altes Holzsegelboot zieht vorbei und würde mit seiner Originalbesegelung vor der idyllischen Kulisse sehr authentisch wirken, zöge es nicht ein hässliches Plastikdingi hinter sich her.

Mittlerweile ist es so warm, dass wir auf unnötige Kleidungsstücke wie Paddeljacken verzichten. Die Fahrt entlang der Südküste von Frøya wird zu einem unvergesslichen Naturerlebnis. Wir zählen sage und schreibe sechzehn Adler, obwohl es sein könnte, dass sich einer davon durch ein geschicktes Überholmanöver hat zweimal zählen lassen. Plötzlich plitschert es um uns herum und ein großer Makrelenschwarm zieht im klaren blauen Wasser unter uns durch. Und das geht munter so weiter. Adler, Wale, Makrelen, Heringe – wir sind völlig fasziniert. So kurz sind uns 30 km noch nie vorgekommen, daher hängen wir schnell noch mal 16 dran, damit wir den Rest der Strecke in den zwei verbliebenen Tagen bewältigen können.

Nils findet zielsicher seinen Traumstrand, in dieser Gegend gar nicht so einfach, aber mittlerweile haben wir einen guten Blick fürs Gelände. Beim Aussteigen entdecken wir dann Tierspuren, die von einem Mink stammen. Der ist entsetzlich neugierig und untersucht unsere Essensreste. Die Haut des Räucherlachses, die ich ihm hinlege, interessiert ihn aber dann doch nicht. Zum Abendessen werden die Vorräte dezimiert, wir müssen an nichts mehr sparen. Es gibt sogar Nachtisch, Grießbrei für Nils und heiße Schokolade für mich. Danach wird alles Essbare geruchsdicht verstaut, vielleicht schaut der Mink ja noch auf einen Mitternachtsimbiss vorbei und bevor der nicht seinen Lachs gegessen hat, gibt’s auch keine Kekse.

Eine herrliche Fahrt führt uns weit in den Trondheimsfjord, wo wir in sehnsüchtigen Erinnerungen an das letzte Mal schwelgen, als wir hier vor vier Jahren auf dem Weg nach Süden vorbeigekommen sind. Der letzte Paddeltag beginnt mit dichtestem Nebel, der sich jedoch bereits in der Morgensonne aufzulösen beginnt. Im engen Fjordteil nach Süden schiebt uns die Strömung noch kräftig an und wir gleiten dicht unter Land an einer Felsnase an der anderen vorbei, die geisterhaft vor uns aus dem Nebel tauchen und Gestalt annehmen. Doch saugt die Sonne die letzten weißen Fetzen weg und es wird strahlend schön. Wir überlegen uns, ob wir einen Abstecher nach Munkholmen machen sollen, aber wir sind nach 12 Paddeltagen ohne Pause reichlich müde und außerdem ist es unglaublich heiß, sodass die kleine Insel mit der Festung von Menschentrauben behangen ist, die dort baden.

So laufen wir um halb zwei im Stadtzentrum von Trondheim ein, an einer traditionsreichen Stelle, nämlich vor der Fischauktionshalle, wo früher die Fischer ihren Fang ablieferten. Wir gönnen uns zur Feier des Tages einen Besuch in Norwegens größtem, nagelneuem Schwimmbad, um uns die Salzkrusten abzuwaschen. Da drin könnte man mit Leichtigkeit alle Spaßbäder Ostfrieslands unterbringen. Begeistert springen wir ins Schwimmerbecken und kommen mit entsetzten Gesichtern spuckend wieder hoch. Salzwasser! Da müssen zwei Bahnen reichen, zumal die reichlich beanspruchten Schultern Protest kreischen. Dann lassen wir uns von warmen Süßwasserstrahlen den Rücken massieren.

Gerade haben die St. Olafs-Tage, ein großes Kirchen- und Stadtfest, begonnen. So endet unser Urlaub am Nidarosdom, dem Nils sein letztes Aquarell widmet, bevor wir dem Kompletorium der Mönche zuhören. Nach 3 Wochen auf See bei Kerzenlicht die gregorianischen Gesänge in der großen Kathedrale zu hören, versetzt uns in eine ganz eigenartige Stimmung. Der Kontrast lässt die Atmosphäre so irreal wirken, dass wir fast glauben könnten, wir hätten die ganze Reise nur geträumt.