SEEKAJAK
SEEKAJAK 119

Inhaltsverzeichnis

Vorstand  

Vorwort

4

Abschluß 2008/2009          

5

Protokoll MV

16

Service

Skeg Tipps

6

B/C Kreis 

 

Vorstellung der Mitglieder des B/C Kreises      

7

Bericht Trockenes Treffen

8

Protokoll Trockenes Treffen

20

SKW 2010

10

Ausbildung

RST-Bericht

12

SKW 2009

SaU und Obama

14

Jadebusen

57

Geschichte(n)

15

Flaschenpost

Kajakanhänger

23

Der Bolmenfisch

64

Nachrichten

Offshore Windenergie

24

NfS

50

Kleinanzeige

24

Aus den Redaktionen

Neues aus der Internetredaktion

25

Weihnachtsgruß aus der SEEKAJAK-Redaktion   

26

Ausrüstung

Bothy Bag

29

Bootsbau

30

Boote

Testbericht Cetus LV

32

Impressum

36

Touren / Reise

Alaska Teil1 von 2

38

Wollin

46

Frauentour in NF

52

Frauentour in OF

56

Literatur

Seakayaker Juni / August

58

Lesebriefe

60

Veranstaltungen

65

Wollin umzu - Eine Faltbootreise um Wolin

Text: Udo

Das Revier
Wolin (Wollin) ist die Schwester von Usedom. Die Moränenzüge sind aber deutlich höher. Die ehemals deutsche Insel gehört als Ergebnis des 2. Weltkrieges heute zu Polen. Für alle Orts- und Landschaftsbezeichnungen gibt es auch deutsche Namen, die man aber nicht im öffentlichen Raum sondern nur auf Karten findet.

Auf Wolin wird nur noch polnisch gesprochen. Eine Sprache, die u.a. aus mehreren unterschiedlichen Zischlauten besteht, die sich in einer Schrift niederschlagen, die sich unseren Lesegewohnheiten entzieht. Ein Sprachführer mit Lautschrift kann hier nur weiterhelfen.

Start
Ich hatte von Montag, d. 29.6.2009 bis zum folgenden Sonnabend Zeit, also je einen Tag für  An- und Abreise, vier Tage zum Paddeln. Da der Plan einer Umrundung schon länger in mir gärte, lag die passende Karte schon bereit. Ca. 120 km beträgt die zu paddelnde Strecke, wenn man auf jegliche Abstecher, z. B. in Wollins Binnenseen, verzichtet.
Als Faltkajak habe ich keinen Einer, sondern bei Touren mit der Bahn fahre ich mit einem HAMMER – Regattazweier, 550 cm / 76 cm, Baujahr 1954. Beim antiquarischen Erwerb hieß er schon „Hecht“. Dabei ist es geblieben. Meine Sitzposition ist so eingerichtet, dass ich ungefähr im Schwerpunkt des Bootes sitze.

Von der Sonne in den Nebel
Der Zeltplatz „Relax“ in Swinoujscie (Swinemünde) ist ein in Maschendraht gehülltes Geviert, 800 m vom Spülsaum entfernt. M.E. nur ein Durchgangsplatz mit einem kleinen Laden nebst Fischräucherei, in dem man sich hinreichend proviantieren kann. Das Kajak baue ich gleich am ersten Abend auf, so dass einem Start am Dienstag gleich dem Ausschlafen und dem Frühstück nichts im Wege steht.

Am Strand wimmelt es von Großen und Kleinen, Dicken und Dünnen, Braunen und Blassen; auch einige kapitale Alpha-Männchen stolzieren herum. Laute Musik dröhnt aus einigen Strandbuden, in denen Getränke und etwas zu Essen angeboten werden. Hier will ich weg - so schnell wie möglich.

Die Richtung der Umrundung ist klar: im Uhrzeigersinn. Der Wetterbericht hat Windstärken um 1 – 2 Bft. aus Nord-Ost vorher gesagt. Also leichter Gegenwind bis Dziwnow (Dievenow), wo es dann durch den Mündungsarm Dzywna (Dievenow) der Oder in achterliche Gewässer geht.

Der Badestrand von Swinoujscie liegt hinter mir, ich umrunde die beiden Molen, die die Swina (Swine) in die Ostsee geleiten. Kaum habe ich die östliche umrundet, erstreckt sich vor mir ein nahezu menschenleerer 14 Kilometer langer Sandstrand, der von flachen Dünen gesäumt ist, hinter denen im flachen Land eine Bewaldung bis Miedzyzdroje (Misdroy) reicht.

Die Sonne drückt, der angesagte NO-Wind bringt kaum Abkühlung. Nach einer Stunde gehe ich an Land, weit und breit kein Mensch zu sehen. Ich kühle mich im herrlich klaren, aber kühlen Wasser ab.

Eine Stunde später treffe ich auf die ersten nackt Badenden vor Miedzyzdroje. Aber so bleibt es nicht. Die Dichte der Badenden wird größer und sie tragen Textil. Im Getümmel vor der Seebrücke gehe ich an Land, ziehe das Kajak aus den Bereich der Strandbesucher und mache mich landfein.

In Miedzyzdroje steigen die Dünen schon etwas höher und sie sind bebaut. Der Ortskern befindet sich dahinter in einer Senke. Auf der Höhe der Dünen – vielleicht sind es aber auch erste Endmoränenzüge – verlaufen parallel eine Straße und ein Fußweg. Es ist wie auf dem Jahrmarkt: Fahrgeschäfte, Fressbuden, Stände mit Kitsch und Bernstein; kaum deutsche Laute sind zu vernehmen. Mittendrin in diesem Gewühl ein kleines Häuschen in dem Euro gegen Zloty auch noch bis in die Abendstunden getauscht werden. Ich wechsele; für einen Euro bekomme ich etwas mehr als vier Zloty. Ich halte mich ein paar Stunden dort auf, verzehre hier und dort etwas, suche ewig nach einem Laden, um noch einen Schwamm zur Innentrocknung meines Kajaks zu kaufen.

Als ich wieder an den Strand komme, ist dieser schon fast menschenleer. Das Wetter ist inzwischen gekippt. Der Himmel ist grau, Nieselregen setzt ein, ich starte. Der Regen hält an, ich passiere einige Hochhäuser aus Zeiten des realexistierenden Sozialismus. Kurz vor der Steigung zur hier eindeutig beginnenden Steilküste wird es heimelig am Ufer. Es herrscht ein gemütliches Chaos. Kleine Kutter liegen am Strand, dahinter eine farbenfrohe ebenerdige Bebauung. Gern würde ich noch aussteigen und gucken, aber ich muss weiter, wenn ich mich zum Ende der Tour nicht abhetzen will. Als ich die letzten Häuser hinter mir lasse, werden die Tropfen dicker und dichter, ich tausche meinen Stetson gegen den Südwester aus. Zu früh! Es hört auf zu regnen.

Noch sehe ich den Kawcza Gora (Kaffee-Berg)mit seinen 61 Metern Höhe, auch der Gosa Goran (Gosan-Berg), 93 Meter hoch, ist in Sicht. Dann schiebt sich von NO ein dichter Seenebel heran, aus dem es immer leicht nieselt Die Sicht in der Horizontalen schwankt zwischen 50 und 100 Metern, in der Vertikalen reicht sie nur bis 15 Metern. Der Küstenstreifen ist gleichförmig, Sandstrand, erst ca. 50 dann durchgehend 25 Meter breit, dann der Sockel der Steilküste. Die Höhen darüber bleiben verborgen. Somit kann ich meine Position nicht orten. Die wechselnden Höhen hätten mir eine gute Orientierung gegeben.

Nach wohl zweistündiger gleichförmiger Paddelei reicht es mir für den ersten Tag. Ich finde eine Stelle, die mir zusagt, ein Baum am Fuß der Steilküste, daneben ein umgestürzter. Ein kleiner Bruch in der Monotonie der  Küstenlinie. Ich schlage mein Lager direkt am der Abhang auf. Dann gehts weiter: schwimmen, essen, trinken, lesen, am Strand spazieren, lesen, trinken, Zigarillo rauchen, Zähne putzen, einschlafen.

Große Hitze und langer Weg
Aufgewacht! Das Licht im Zelt scheint trübe grün. Kein Sonnenschein, obwohl sie schon draußen sein müsste. Ich rappele mich hoch, Kopf aus dem Zelt; das Wetter ist vorerst wie gestern, nebelig bei milden Temperaturen, ein schlapper Wind lässt Schwaden davon über den Strand wabern.

Das Ostseewasser ist noch frisch, doch es treibt die Restmüdigkeit aus den Knochen. Also zehn Schwimmzüge Richtung Schweden, acht zurück, das reicht. Triefend nass stehe ich am Ufersaum und bemerke einen riesigen, schwarzen Hund, der sich daran macht meinen Lagerplatz zu durchstöbern. Kein Herrchen, kein Frauchen, kein Mensch weit und breit. Das Vieh wildert offensichtlich, jetzt heißt es nackter Mann gegen nackten Hund. Ich suche nach Distanzwaffen, keine Steine, kein Treibgut, nur Sand. Ich starte eine phonetische Attacke,  der Hund versteht deutsch und flüchtet den Steilhang hinauf in den Nationalpark.

Der Wellengang ist heute wieder mäßig, so dass mich die wenigen querlaufenden Wellen nicht sonderlich fordern. Stoisch paddle ich nach NO auf Dziwnow zu. Höhen sind nicht zu sehen und erst als das Land flacher wird, habe ich eine Ahnung, wo ich bin. Als am Strand viele Badende zu sehen sind, tippe ich auf Miedzywdzie (Heidebrink) und weis nun, dass ich nach ca. vier Kilometern die Einmündung der Dziwna bei Dziwnow erreiche.

Zwischen zwei in die Ostsee hinaus gebauten Molen kabbele ich mich durch bis zu den ersten Liegeplätzen der Segler, unterquere die Klappbrücke über die Dziwna, folge dem rechten grünen Ufer mit Blick auf Dzwinow, Kutter und anderen Schiffen, die dort vor einer Kulisse niedriger Gewerbebauten festgemacht sind. Am Ende eines langen Kais finde ich doch noch einen kleinen, leider mit Fischabfällen verdreckten Landeplatz für mein Kajak.

Das Wetter hat sich total verändert. Die Sonne scheint, es ist richtig warm. Beim Blick zurück sehe ich, wie der Wind über die Randdünen dichte Nebelschwaden drückt, die in der Höhe verwirbeln und sich über Land in ein scheinbares Nichts auflösen.

Paddeln macht hungrig. Ein paar Räucherbuden habe ich schon entdeckt, sie sind mein erstes Ziel. Vorbei an den vielen Anglern, die den Kai bevölkern, steuere ich die erstbeste an. Der Fisch ist gut und so mache ich mich auf, Dziwnow zu erkunden. Es ist wie in Miedzyzdroje, wenn auch etwas kleiner, ein Jahrmarkt in der Hauptstraße. Hinter der Düne zur Ostsee erstreckt sich ein herrlich weißer Strand. Von den drei in der Karte verzeichneten Zeltplätzen ist keiner zu sehen. An der Hauptstraße steht ein Hinweisschild; ich vermute, der Platz ist für Kajaker nur vom Strand her zugänglich.

Nach einem Supermarkt suche ich vergeblich. Auf englischsprachige Nachfrage verweist mich ein junger Mann auf Kamien Pomorski, acht Kilometer über den Zatoka Wrzosowski (Fritzower See) und den Zalew Kamienski (Camminer Bodden). Kamien Pomorski, auf einer Anhöhe gelegen, hat trotz seiner Wohnblocks ein hübsches Stadtpanorama mit drei Kirchen und einem hohen alten Speicher am Hafen.

Der Wind hat hier hinter der Küstenlinie leicht zugelegt und hilft mir mit drei Bft. mein Ziel zu erreichen. In dem südlichen von Kamiens kleinen Hafenbecken gegenüber der Insel Chrzaszczewska (Gristow) finde ich etwas ums Eck einen kleinen Slip, auf dem ich mein Kajak liegen lassen kann.

Nach einer Stunde verlasse ich Kamien wieder, Proviant ist gekauft. Ich will noch ein paar Kilometer auf den Ort Wolin zupaddeln. Die Karte weist aus: erst noch zwei Kilometer nach Süden, dann vier Kilometer nach Westen und noch dreizehn Kilometer nach Südsüdwest, dort ist Wolin.

Die ersten Kilometer nach Süden sind noch abwechslungsreich. Am rechten Ufer breiten sich die ersten großen Schilfflächen aus, die mich bis zum Abendlager kurz vor dem Ort Wolin begleiten sollen. Zuvor geht es aber vom Fahrwasser vor Wolin, der Promna (Die Fähre)und der Zatoka Madejska (Die Maade) westlich in die Dziwna, vorbei an dem alten Burgwall Gardzka Kepa. Vom Wall ist nichts zu sehen. Die kleine Insel, auf der er aufgeschüttet wurde, ist von hohen Bäumen bestanden in denen sich hunderte von Seevögeln, insbesondere Kormorane eingenistet haben. Einen Kilometer später bin ich wieder in der Dziwna.

Auf der Dziwna wähle ich ab Sibin (Zebbin) das linke Ufer des durchschnittlich 900 Meter breiten Gewässers. Ein undurchdringlicher Schilfgürtel soweit das Auge reicht. Bei der kleinen Ansiedlung Laska (Laatzig), die nördlich des Ortes Laska liegt, wäre die letzte Möglichkeit vor dem Ort Wolin gewesen anzulanden. Die Gelegenheit habe ich ausgelassen. Eigentlich wollte ich ja nur ein kleines Stück weiter, um dort dann über Nacht zu bleiben. Ein kleines Stück folgt dem nächsten. Mit langen Armen wechsele ich kurz vor Wolin vom Ost- zum Westufer. Dort ist der Strebne Wzgorze (Silberberg), an seinem Fuß hoffe ich einen Landeplatz zu finden.

Glück gehabt! Der Schilfgürtel hat einen Durchlass, dahinter öffnet sich eine kleine Wasserfläche, ein Schwenk nach links und mit einigen kräftigen Paddelschlägen durchdringe ich den schmalen Schilfgürtel. Das Wasser, das ich noch durchwaten muss, steht mir bis an die Oberschenkel, Faulgase steigen auf. Mir ist es egal, die heutige Etappe reicht, es sind fast fünfzig Kilometer gewesen. Die Körperpflege reduziert sich aufs Zähneputzen. Obwohl mein ganzer Körper vor Schweiß klebt, gehe ich nicht ins Wasser; es stinkt.

Vor dem Einschlafen studiere ich nochmals die Karte. Das ganze Gebiet SO der Küstenmoräne ist eine große Senke, die sich auch noch über die Dziwna hinauszieht. In vielen Bereichen ist die Landschaft von Entwässerungsgräben durchzogen. Nur zwischendurch, wie hier bei Wolin gibt es kleine Anhöhen, die aber eine Höhe von 19 Metern nicht überschreiten.

Zum Naturpark Wolin
Ich starte früh, unterquere die drei Woliner Brücken, passiere Wolin – ich lasse den Ort links und ein Museumsdorf rechts liegen. Mein Ziel ist Wapnica mit dem Jezioro Turkusowe (Türkissee). Ich umrunde den Polwysep Row (Roof), die Halbinsel südlich Wolins. Auch sie ist schilfgesäumt. Kaum habe ich den Leuchtturm am Südende umrundet, wird das Schilf lichter. Wenige hundert Meter weiter findet sich dann sogar ein kleiner mit Muschelschalen durchsetzter Sandstrand. Das Wasser ist zwar nur knietief, lädt aber mit seinem klaren Wasser zum Bad – endlich, denn es ist heiß, die Sonne brennt und nicht nur der Schweiß vom Vortag klebt. Gut erfrischt geht es weiter. Immer am Ufer entlang. Das Schilf tritt mehr und mehr zurück, eine Wiese mit Pferden und Rindern kommt ins Blickfeld. Die flüchten ungestüm, als ich aussteige, um meinen Sitz neu zu richten. Hier folge ich nicht mehr der Küstelinie, sondern quere die nach Osten zurückspringende Bucht und steuere auf Karnocice Karzig) zu.

Die kleine Ansiedlung Karnocice  liegt sowohl am südlichen Ende des Moränenzuges, wie aber auch an der Grenze des Nationalparks, der hier einige hundert Meter in die Wasserfläche des Wielki Zalew (Großes Haff)  hineinragt. Ich paddele im gebührenden Abstand diesen landschaftlich beeindruckenden Küstenabschnitt entlang: dichte Wälder gehen bis ans Wasser, davor abwechslungsreiche Flora im Wasser, zahlreiche Wasservögel. Bevor die Küste nach Norden abknickt, muss ich im Slalom durch ein Gewirr von Stellnetzen. Dann paddle ich gegen einen nicht erwarteten Gegenwind von 4 Bft. an, um Wapnica (Kalkofen) zu erreichen. In der Karte ist ein Hafen eingezeichnet. Es ist ein ca. 200 Meter langer stinkender Kanal, in dem es kurz vor dessem Ende einen kleinen Slip zum Aussteigen gibt. Gleich neben dem Slip kann ich mich in einem Lokal an Räucherfisch sattessen, um anschließend zum Jezioro Turkusowe zu wandern.

Der Jezioro Turkosowe ist ein lohnenswertes Ziel. Der See, liegt tief eingebettet unter dem Plakowa Gora (Sandberg) und so siehts dort auch aus. Wapnica selbst ist ein Straßendorf, das ich auf dem Wege dorthin durchqueren musste. Ohne die zahlreichen polnischen Touristen läge es wohl wie ausgestorben da.

Auf dem Rückweg werde ich eines besseren belehrt. Als ich ein kleines Einzelhandelsgeschäft betrete, finde ich einen vollen Laden vor, in dem es fast alles für den täglichen Bedarf zu geben scheint. Gerade wird ein totes Huhn über den Ladentisch gereicht, ein junger Mann bekommt seinen Wodka und ich meine beiden Flaschen Kefir.

Die Nacht verbringe ich aber nicht in Wapnica, sondern in einem am Waldrand verstecktem Yachthafen. Vom Nordufer des Jezioro Wieko Wielkie führt ein kleiner Stichkanal dort hin. Der Hafenmeister, ein dunkler Typ mit Baseballkappe – aufgestickter Schriftzug in Gold: „Admiral“ - scheint nur polnisch zu sprechen. Er gibt mir aber zu verstehen, dass ich dort mein Zelt aufschlagen kann. Trinkwasser zum Auffrischen meiner Vorräte habe ich nicht vorgefunden. Am Abend sitzen wir noch gemeinsam am Lagerfeuer, trinken ein Bier und rauchen einen Zigarillo

Schlussspurt
Der letzte Tag ist der Tag der Reptilien. Beim Start im Sportboothafen schwimmt eine Ringelnatter durchs Hafenbecken, am westlichen Ende von Przytor (Pritter), wo ich auf einer Wiese eine kurze Pause einlege, huscht eine Eidechse durch die Gräser im Ufersaum und kurze Zeit später, nicht weit von Przytor im Mtynski Row (Mühlengraben), der Verlängerung des Wielka Struga (Vietziger Strom) verschwindet eine Kreuzotter im Schilf. Wielka Struga und Mtynski Row tangieren den großen Bereich der Feuchtwiesen zwischen Wyspa Karsibor (Insel Kaseburg) und der Insel Wolin im Norden. Diese Feuchtwiesen gehören zum Naturpark Wolin und sind von mehreren Wasserarmen durchzogen. Von diesen dürfen aber nur wenige mit dem Kajak befahren werden. Die in meiner Karte eingezeichneten stimmen aber mit denen auf den offiziellen Schautafeln nur teilweise überein.

Alle Wasserläufe enden letztlich in der Stara Swina, die auch ich bald erreiche. Aus der Enge der Mtynski Row kommend, öffnet sich die Wasserfläche der Stara Swina seeartig. Zahlreiche Angler treiben mit kleinen Booten auf dem Wasser vor den Feuchtwiesen, der der Insel Karsibor vorgelagerten Inseln. Ich folge dem rechten, eingedeichten Ufer der Stara Swina. Es wird heiß. Als ich mich etwas treiben lasse, beobachte ich, dass innerhalb kürzester Zeit alle Angler nach Süden, nach Karsibor verschwinden, es ist Mittagszeit. Ich mache aber erst Pause nachdem die Stara Swina in die Swina, die hier Wasserschifffahrtsstraße ist, mündet. Durch die Richtungsänderung von West nach Nord weht mir hier ein kräftiger Wind entgegen, der sich auf Höhe der Hafenanlage von Swinoujscie - rechts an meinem Kurs gelegen - kräftig entgegenweht. Der Schiffsverkehr ist vernachlässigbar. Zwei Fährverbindungen kreuzen die Swina: eine gleich nach der Einmündung der Stara Swina in die Swina, die andere in Swinoujscie selbst. Während meiner Mittagspause dampft ein deutsches Fahrgastschiff vorbei und einen Kümo sehe ich noch im Kanal Mielinski (Mellinfahrt) verschwinden.

Je näher ich der Zatoka Pomorska (Pommersche Bucht) komme desto kräftiger weht der Wind. Ich kämpfe mich an Schiffen und Kaianlagen entlang, bevor ich endlich den Anfang der einen Kilometer in die Ostsee hinaus ragenden Ostmole erreiche. Je weiter ich hinaus komme, desto schwächer wird der Wind. Am Ende angekommen, fächelt er noch mit einem Bft.. Der Blick nach links an den Strand zeigt mir schon mein Ziel. Doch vor mein Ziel schiebt sich ein SAR-Boot, dessen Besatzung lautstark auf mich einredet - polnisch wie sonst - und immer wieder Richtung Swinoujscie zeigt. „Erwarten die etwa, dass ich zurück in die Swine fahre?“

Ich kann mich auf englisch verständlich machen. Ich erkläre ihnen, ich sei doch vor vier Tagen schon die gleiche Strecke in umgekehrter Richtung rund Wolin gefahren. Widerwillig geben sie mir den Weg frei, but „Go near the shore!!!“ “O.K!”

Am Strand angekommen ist es noch lauter als vier Tage zuvor, jetzt ist Hochsaison. Und da sind sie wieder: Große und Kleine, Dicke und Dünne, Braune und Blasse; auch die Alpha-Männchen.

Den Abend verbringe ich auf dem breiten Boulevard, der vor dem schmalen Wäldchen am Rande der flachen Küstendünen verläuft. Hier bekomme ich noch die letzten Klänge des Kurkonzerts zu hören, finde ein lebhaftes Restaurant mit gutem Essen, eine Eisbude. Kaufe für die Lieben daheim noch vom üppig angebotenen Bernstein und gehe frühzeitig ins Bett, denn mein Zug geht morgen früh kurz nach 8:00 Uhr.

Resümee
- Anforderungsprofil: Der Seekajaker muss sich auf drei unterschiedliche Gewässertypen einstellen:
1. Ostsee, Pommersche Bucht, Swinoujscie (Swinemünde) bis Dzywnow (Dievenow). Der Küste sind durchgehend wellenbrechende Sandbänke vorgelagert. Bei extremen Wetterlagen, kann man sich im Bereich der Steilküste über mehrere Kilometer nicht ins Hinterland zurückziehen. Dort führen keine Wege an den Strand.rofil: Der Seekajaker muss sich auf drei unterschiedliche Gewässertypen einstellen:
2. Achterliche Gewässer: Die Gewässer sind insbesondere in Ufernähe durchgehend flach. Auch bei starkem Wind ist nicht mit allzu hohen Wellen zu rechnen. Sollte es dennoch zu ungemütlich werden, muss man sich darauf einstellen doch noch einige Kilometer zu paddeln bevor man anlanden kann, da der Schilfgürtel an vielen Stellen undurchdringlich ist. rofil: Der Seekajaker muss sich auf drei unterschiedliche Gewässertypen einstellen:
3. Die Swina (Swine): Hier ist das Wasser tief, mit höheren Wind- und Schiffswellen ist zu rechnen. Unter Umständen könnte es sehr kabbelig werden. Aus einem Telefonat mit Karsten Ohlert aus Heringsdorf weis ich, dass die polnische Wasserschutzpolizei auch schon Schwierigkeiten bei der Durchfahrt gemacht hat.

- Ausrüstung: Seekajak wie üblich. Ein sandgängiger Bootwagen sollte mitgenommen werden.

- Verständigung: Natürlich auf polnisch. Wer das nicht beherrscht, kommt aber auch bei jüngeren Leuten mit englisch weiter. Zum Teil wird auch deutsch gesprochen. Aus sozialistischen Zeiten wird wahrscheinlich auch noch russisch verstanden.

- Übernachtung: Es gibt auf dem Rundkurs offizielle Zeltplätze in : * Swinoujscie, 800m zum Wasser; * Dzywnow, habe ich nur den Hinweis im Ort gesehen, ist wahrscheinlich seeseitig östlich der Dzywna-Einmündung (Dievenow-Einmündung) besser zugänglich; * Kamien Pomorski (Cammin) nach Osten unter der Brücke hindurch; * beim Ort Wolin südlich, Zeltplatz ist vom Wasser direkt zugänglich; Wapnica (Kalkofen), 100m vom Hafen (Kanal), einmalig hässlich; * Yachthafen, Stichkanal an der Nordseite des Jezioro Wieko Wielkie (Großer Vietziger See), Trinkwasser mitnehmen(!); * Karsibor (Kaseburg), liegt lt. Karte am Wasser.

- Strecke: Der Rundkurs hat eine Länge von ca.120km. Die Umrundung in vier Etappen ist möglich, wenn man auf einen Abstecher in die Woliner Binnenseen verzichtet. Auch ein Kreuzen im Bereich der Stara Swina (Alte Swine) ist dann nicht mehr möglich. Wenn die Umrundung auch eine Kulturtour werden soll, muss man m.E. 7 Tage einplanen.

- Karte: Der Wolliner Nationalpark INSEL WOLLIN Maßstab 1 : 45 000, Landkarte mit zweisprachigen Ortsnamen, Landeskundliche Beschreibung in deutscher Sprache, www.galileos.pl, www.plan.jgora.pl, ISBN 83 – 60044 – 27 – 9. In der Karte sind auch Schilfflächen mit eingezeichnet. Leider gibt es mehr. Nahezu das ganze östliche Ufer der Dzywna ist zugewachsen. Das Schilffeld vor Karnocice (Karzig) gibt es dafür nicht.

- Anreise: Mit der Bahn, Usedomer-Bäder-Bahn (UBB), bis zur Endstation  Swinoujscie, dann mit dem Bootswagen noch 1700m bis zum Zeltplatz oder direkt an den Strand.